quinquaginta.*

Time flies, Zeit fliegt.

Welche Spuren hinterlassen wir, wenn wir fliegen? 

Lebensmitte als Standort für Bestandsaufnahme und Neuausrichtung. Ein Klassiker im biographischen Krisenmanagement. Nicht immer freiwillig, der Wille muss sich manchmal auch dem fleischlichen Körper oder der psychischen Verfasstheit beugen.
Wenn ich auch sonst gern gegen den Strom schwimme, hier hat es mich mitgerissen. Also tauche ich voller Begeisterung (?) ein und lasse euch, die ihr mögt, teilhaben.

Mein Jahresmotto NARRENFREIHEIT gewährt genügend Raum für Spielereien :-)

PS: Wenn hier die 50 recht unbescheiden als Lebensmitte angenommen wird, dann nur aus Liebe zum metrischen System, das wir im hiesigen Alltag gewohnt sind.

Hier fängt es an, das Tageblog. Zeithüpfer durch das letzte Viertel. Lupe und Fernglas dabei, mal Augen auf und Augen zu. Inneneinrichtung. Ausrichtung. Bucket list.

30.06.2024
Das letzte Viertel beginnt.

In drei Monaten ist das fünfzigste Jahr vollendet. 
Haare sind ab, 30 cm gespendet in zahlreichen zierlichen Zöpfen.
3 cm sind stehen geblieben, an den längsten Stellen.
So kurz waren sie noch nie.
Ab sind sie, die alten Zöpfe. Ein guter Auftakt.

03.07.2024
Wertigkeit

Was ist es wert, dafür zu leben? Lebenszeit hinzugeben, sich zu verschenken?
Aktuell ein paar gute Antworten gefunden und eine Liste gemacht. Listen sind wie Leitern, über die man das nächste Level erreicht. Manchmal fallen sie auch um, oder Saboti hat eine Sprosse angesägt.
Listen sind Leitlinien, manchmal breit wie Sicherheitsgurte.
Listen sind manchmal lästig, besonders noch nicht abgehakt.
Listen lösen manchmal LaLagien aus, man möchte singen, wenn man fertig ist.
(Meine Werte haben übrigens nichts mit Geld zu tun. Sieht nur so aus.)

10.07.2024 
Das richtige Maß

Woran und mit wem messe ich mich? Schön, straff, jung, agil. 

Stehe ich im Wettbewerb, oder bin ich frei von Konventionen? 
Alt genug bin ich, um Verantwortung zu tragen, Urteile zu prüfen, eine eigene Meinung zu haben.

Freiheit ist was Schönes. Ist er Ruf erst ruiniert.... Mama, du bist peinlich.
Nicht alle finden es gut, finden mich gut, finden meine Experimente und Ausbrüche gut. Das gilt es auszuhalten. Wenn ich anders bin, werde ich unberechenbar für mein Umfeld, Sicherheit geht verloren.
Wenn ich anfange, mich neu zu entdecken und zu entwickeln, müssen andere das auch tun. Besonders, wenn es um optische Veränderungen geht.

15.07.2024

bucket list: Springen

Seitdem ich von Tandemsprüngen (Fallschirm) gehört habe, denke ich darüber nach.
Der Gedanke fasziniert mich: Meiner Flugangst mit einer krassen Konfrontation zu begegnen. Begleitet von einer erfahrenenen Person.
Der Termin stand, musste wetterbedingt verschoben werden. Neuer Termine, Hosenflattern. Ich habe niemendem davon erzählt - meine Art, mich zu schützen und Rücktritte nur vor mir selbst zu rechtfertigen.

Vorgestern war es. Tatsächlich. Mit acht anderen Springern eingeklemmt in einer Propellermaschine. Angehakt an meinen Tandemmaster, wir sitzen ganz hinten. Komme aus der Nummer nicht mehr raus, der Impuls flackert vergeblich auf, als das Maschinchen startet.

4000 m Höhe ist das Ziel. Mein Begleiter parliert, ich bleibe ruhig. Nehme meine Verantwortung wahr als diejenige, die springen will. Keine Panik. Alles schön unter dem Deckel halten und drauf setzen.

Die Seitentür wird aufgeschoben. Kalt und laut, die Luft und die Maschine. Die ersten verlassen das Flugzeug. Zack, weg.
Dann sind wir dran. Aneinander gegurtet schieben wir uns zum Ausstieg und dann: raus.

Noch nicht einmal ein Achterbahnjuchzer kommt über meine Lippen, als wir fallen. Nix geht. Zwei Sekunden, dann liege ich einfach im leeren Raum. Krass.

Fallschirmtandem beim Skydive

30.07.2024 

Grenzen überwinden

Heraklion, Kreta. Eine Fernreise für meine Verhältnisse. Das Hotelzimmer im 5. Stock hat großartige Aussicht von der Dachterrasse und innen 30 Grad Celsius. Alles immer mit zwei Seiten. Mindestens.

Ein Mutproben, ein Ausloten, ein Vortasten: Mit depressiver Erkrankung verreisen, möglichst ökologisch und doch mit Flugzeug (das etwa 10. Mal in meinem Leben). Ausgleichzahlung zur CO2-Kompensation vorgenommen, dank atmosfair ein etwas weniger schlechtes Gewissen. ÖPNV nutzen, auch auf der Insel. 

Selbsttest gelungen: Organisation klappt, Nerven behalten, Hin- und Rückflug überlebt (trotz massiver Zweifel), Hitze ausgehalten. Mich einlassen können gekonnt, auf Neues, auf Menschen, Klima, Sprache, Essen..... Eindrücke gesammelt, mich erweitert.
DANKE.

07.08.2024

Alter, all das Wissen!

Über Jahrzehnte gesammeltes, wertvolles, unnützes, lustiges, trauriges, banales und abseitiges Wissen.
Freiwillig oder gezwungen, schnell oder mühsam erworben.
Ich bin ein Datenspeicher, über kognitive oder sensorische Stimulation kann ich allerhand abrufen: Das riecht wie...Achill, das war doch....Früher konnte man für 20 Pfennig eine Kugel Eis...Gewaltenteilung bedeutet...arbor, arbores, lateinisch für.....333 bei Issos....au claire de la lune....Caspar David Friedrich, Maler der Romatik, berühmtestes Bild....erster Bundespräsident...Gemüse in kochendem Salzwasser...mit Zitronensäure Kalk...Stöckelschuhe verursachen Haltungsschäden...das viszerale Bauchfett ist gefährlich...expelliarmus!

Auch wenn sich Vieles verändert hat und die Halbwertzeit und Verlässlichtkeit von Wissen und Fakten sich heute anders darstellt, meine Wissbegier ist mir geblieben. Positiv ausgedrückt: Das Interesse an der Welt, die Freude an Neuem und am Erwerben von Wissen. Das Verstehen wollen, Aneignen, Verinnerlichen, Einverleiben, Erfahren. Das macht, das ich mich LEBENDIG fühle. Alterlos.

Rote Radieschen mit Wurzeln liegen in einem Kreis.

16.08.2024 

Was sind dir deine Werte wert?

Wertigkeit, ein Dauerbrenner. Was sind meine Werte, und was sind sie mir wert? An Energie, an Kompromissen oder eben gerade nicht. An Radikalität. An Konsequenz.
Radikal ist ein Wort, das mich fasziniert. 

Bedeutung nach Duden:
- von Grund aus erfolgend, ganz und gar; vollständig, gründlich 
- mit Rücksichtslosigkeit und Härte vorgehend, durchgeführt o. Ä. 
- eine extreme politische, ideologische, weltanschauliche Richtung vertretend [und gegen die bestehende Ordnung ankämpfend] 
- die Wurzel (6) betreffend Gebrauch Mathematik
 
Synonyme:
elementar, entscheidend, fundamental, ganz und gar

Herkunft:
französisch radical < spätlateinisch radicalis = mit Wurzeln versehen (vgl. spätlateinisch radicaliter [Adverb] = mit Stumpf und Stiel, von Grund aus), zu lateinisch radix, Radieschen

Radikal ist also fest in mir verwurzelt, oder gibt mir Wurzeln, ist mir Handlungsmotiv und -motivation. 
Solange bis ich mir 
die Radieschen 
von unten angucke. 
Hä?

Radikal in einem positiven Sinne: radikal ehrlich, radikal ökologisch... Wahrscheinlich vor allem für mich im positiven Sinn, wie bei allen Radikalen. Wie meine (nun nicht mehr) heimliche Freude darüber, dass sich Mitglieder der Letzten Generation auf Flugfeldern festkleben, weil Regierende und Bürger:innen eben nicht radikal und konsequent genug nach den Klimazielen streben.

Vielleicht können wir uns darauf einigen: Radikale sind Wachrüttler für Wertesysteme.

PS, radikal: Wie traurig, wie furchtbar und sinnlos, wenn Menschen unter der Radikalität von anderen körperlichen oder seelischen Schaden nehmen oder sogar sterben. In Gedenken, in Solingen und weltweit.

23.08.2024

Die Angst vor der Angst

Eine ganz Weile wird es besser, es wird sogar gut. Das Lebensgefühl. Es reichert sich an mit Freude, Kraft und Zuversicht.
Wenn da nicht. Diese sumpfige Ödnis sich wieder ausbreiten würde, die mit dem Angstblubbern, die Ödnis, mit den schäumenden Löchern, aus denen Gase aufsteigen, kleine Angstbläschen erst, dann Furchtballons. Zäh und fratzenspiegelnd hängen sie in der Luft, zeigen Zweifel, Sorgen, Kümmernisse. Meine und die der Meinen. Und die meiner Welt.

Sonne, Sonne, scheine, und mach den Sumpf wieder trocken.
Sonne zum Einnehmen muss es manchmal sein. Oder vielleicht sind es eher Wolkenwegschieber, denn dann steigen die Blasen auf und zerplatzen im Sonnenlicht.

Die Angst vor dem Sumpf ist wieder da, es blubbert schon leise drohend.
Ich höre hin. Was passiert hier gerade? Was ist das Schwierige? Was kann ich ändern, muss ich ändern, anpassen, damit ....
Das Leben wieder leichter wird? Ja, leichter. Zuversichtlicher. Kraftvoll.

28.08.2024 

Ängste und erste Male

Manche Sachen sind einfach Übung. Wie Phobien und Erste Hilfe. An meinem Spinnen-Thema arbeite ich seit Jahren, zunehmend erfolgreich. Die Achtbeiner mit einem (undurchsichtigen!) Gefäß einzufangen und nach draußen zu transportieren, klappt safe. Dünne Exemplare á là Weberknecht fange ich an guten Tagen mit der Hand und setze sie ins Freie. Das kapitale Wesen im Hintergrund ist in Wirklichkeit ca 2,5 cm lang und bereits draußen gewesen :-)

Erste Male, davon fanden sich im Viertel vor einige. Und gerade heute kam eines dazu. Heute hatte ich das erste Mal eine Brustuntersuchung durch einen männlichen Arzt. Was ich stets erfolgreich vermieden habe, hat mich heute kalt erwischt. Augen auf und durch. Herausforderung sehen und annehmen. Hat funktioniert. Der freundliche junge Arzt führte den langwierigen Ultraschall in Anwesenheit einer weiblichen Kollegin durch. Professionell und zugewandt. Trotzdem war ich froh, als wir fertig waren.
  

Einer meiner Bucket Listen-Punkte war ein Erste Hilfe-Kurs. Nach zwanzig Jahren oder so. Nachdem ich im vergangenen Jahr einen Letzte Hilfe-Kurs gemacht habe, sollte auch die Erste Hilfe eine Auffrischung erhalten. 




Der Kurs war wirklich gut, 1 Tag, 8 Stunden, 50 Euro. Gut investierte Ressourcen.
Der Trainer war erstaunt, dass ich freiwillig und selbstzahlend teilnahm - krass, oder? Die anderen Teilnehmenden waren Ersthelfende in ihren jeweiligen Betrieben und müssen regelmäßig auffrischen.  


Es fühlt sich übrigens unglaublich gut an, Ängste zu überwinden!
Hier geht es um meine Angst, in einer Notsituation nicht handlungsfähig zu sein, nicht zu wissen, was das Richtige ist, und daher schlechtestenfalls nichts zu tun.

Tu dir etwas Gutes und:

Mach einen Erste Hilfe-Kurs. Stell dir vor, du bist in Not und brauchst dringend Hilfe. Stell dir vor, alle könnten mit so einer Situation umgehen, niemand würde wegsehen. Leute würden das Handy nehmen, um 112 zu wählen, statt zu filmen. 
 

Meine Bucket Liste ist schon gut abgearbeitet, das macht mir Sorgen. Und dann?! Neue Ziele?!  Listen geben Orientierung und Struktur, damit Halt und Sicherheit.

05.09.2024

Bucket leer?

Von der kleinen Liste mit Ermutigungen, Proben, Herausforderungen habe ich die Hälfte umgesetzt. Naja, das sind genau genommen fünf Punkte. Nicht gerade viel.
Warum habe ich eigentlich nicht fünfzig Sachen versammelt?!
Was passiert, wenn alles "erledigt" ist, abgehakt? Wo finde ich neuen Antrieb, neue Lust, neue Freude?

Vier sind noch offen: 
Bücher/ Gedichte/ Vignetten veröffentlichen - das tue ich ein bisschen auf dieser Webseite, und tatsächlich nehme ich im Oktober an einer Lesung teil, für die ich mich beworben habe. Also ein halber Haken?

Hubschrauber fliegen - eine sehr teure Angelegenheit, wird wohl noch länger auf der Liste bleiben.

Ein Wohnprojekt finden - da bin ich gar nicht mehr sicher, ob das mein Ding ist. Mit anderen Menschen Wohnraum planen, teilen, bewirtschaften.... Aktuell merke ich, wie nervenaufreibend beispielsweise ein Vereinsleben sein kann. Andererseits ist es schön, in einem ökologisch ausgerichteten, diversen Mehrgenerationenprojekt zu leben. Irgendwann. Oder?

Der letzte offene Punkt: mich verlieben - könnte schnell gehen, oder auch nicht. Bleibt offen.

Von Gewicht

Was ist für mich von Gewicht?
Gewogen und für zu leicht befunden?
Mir gewogen?
Mit gewogen? Wenn ja, wer oder was war mit auf der Waagschale?

29.09.2024 


f50nfzig. f******.
Halbvolles Jahrhundert.

Da bin ich. Das Buch mit sieben Siegeln, versteh mich, wer kann.
Bin ich da?  Wo ich hinwollte? Haben mein Überprüfungen, Skalierungen, Reflektionen, Bucketlist Topics mich weitergebracht?
Ich bin da. Ist mein Ideal, daher Titel für ein fiktives Buch über mich. Jemand, nämlich ich, bin immer da, bei mir. Kann Trost und Halt sein. Muss. Mich selbst be-eltern, wie es eine Therapeutin formulierte.

Ich bin da. Ich bin fünfzig Jahre alt. Wie aufregend. Oder?
Ein paar Schritte weiter bin ich. Ein paar Haare leichter bin ich. Ein paar Erfahrungen reicher.
Ich fühle mich gestärkt, mutig, verzagt, besorgt und frei.
Es ist ein bisschen wie immer: Das Glück ist mit denen, die glauben - an sich und an das Glück. Mit denen die finden, nicht suchen.



<=  Bastelarbeit Ich-Buch, ein Buch über mich, dich selbst. 

...das war´s.

* quinquaginta, lat. fünfzig
auch: Titel des ersten Buches aus der Druckerpresse von Anton Sorg 1457 in Augsburg: Quinquaginta von Aurelius Augustinus über die fünfzig Tage Passion und Auferstehung Jesu Christi; 
außerdem: Decisiones quinquaginta („Fünfzig Entscheidungen“), Titel einer Sammlung von Konstitutionen, die auf den spätantiken Kaiser Justinian I. zurückgehen.